Die Drake Passage

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Sonntag, 20.02.2022
Wir befinden uns bereits auf hoher See mitten in der berüchtigten Drake-Passage. Jenem Seegebiet zwischen Kap Hoorn am südlichsten Zipfel Südamerikas und den Südshetland-Inseln am Rande der Antarktis. Diese Passage ist 830 Kilometer breit und erstreckt sich von 54° bis 62° südlicher Breite. Sie gehört zu den stürmischsten Ozeangebieten der Welt. Häufig entwickeln sich hier schwere orkanartige Stürme mit Wellenhöhen mit mehr als 10 Metern. Unter Seefahrern sind diese Breiten auch als "Furious Fifties" bekannt. Die Wassertiefen liegen bei 2.700 bis 4.000 Metern. Durch die Zirkumpolarströmung werden in der Drake Passage gewaltige Wassermassen mit einer Geschwindigkeit von 20 bis 40 km pro Tag in östlicher Richtung bewegt. Der Namensgeber, der englische Seemann und Freibeuter Sir Francis Drake (1540 - 1596), hat die nach ihm benannte Passage selbst nie durchquert. Bis zur Eröffnung des Panama-Kanals im Jahr 1914 spielte die Drake Passage eine große Rolle im Seehandel, da fast alle Handelsschiffe auf dem Weg zur Westküste Südamerikas das gefürchtete Kap Hoorn umsegeln mussten. Heute müssen nur noch sehr große Schiffe diesen Weg wählen.

Auf hoher SeeIn der Drake Passage
Die tägliche Kontrolle
Die tägliche Temperaturkontrolle durch unsere Schiffsärztin.

Entsprechend des Corona-Protokolls an Bord werden wir jeden Tag zur Messung der Körpertemperatur und einmal pro Woche zum Covid-Schnelltest gebeten. Die Mannschaft unterliegt einem noch viel intensiverem Monitoring. Umso erstaunlicher, wie ungeheuer freundlich und fröhlich alle Mannschaftsmitglieder sind.

Das Wetter ist derzeit sehr gut. Es ist zwar sehr stark bewölkt, aber es hat kaum Wind, so dass die See einem "Ententeich" gleicht, so die Wortwahl der Expeditionsleiterin. Das Schiff gleitet relativ ruhig mit 15 Knoten durch die harmlosen bis zu zwei Meter hohen Wellen.

Der heutige Tag ist ganz der Naturwissenschaft gewidmet. Wir hören drei hochinteressante Live-Fachvorträge von Wissenschaftlern an Bord. Der erste über die Entdeckung und Erforschung der antarktischen Halbinsel. Dann ein Vortrag über die verschiedenen Robbenarten in der Antarktis und schließlich noch hochinteressante Details über den geologischen Aufbau und die erdgeschichtliche Entwicklung der Antarktis.

 

Gegen Abend kommt schlechtes Wetter auf, und der Wind nimmt merklich zu. Genauso wie der Wellengang und die Schaukelbewegung des Schiffes. Wir werden seekrank. Schließlich erreichen wir den 60. Breitengrad, ab dem das Schiff entsprechend der internationalen Schutzabkommen für Wale auf 10 Knoten verlangsamen muss. Bald werden wir die Drake Passage geschafft haben. Aber der Wind nimmt weiter zu und das Wetter wird deutlich schlechter. Das Schiff wird immer wieder von großen Wellen getroffen, und die Gischt prasselt an die Außenwände und Fenster. Man spürt wie sehr sich der Schiffskörper bewegt. Draußen beginnt es zu schneien. Der Wellengang hat weiter zugenommen. Die Wellen sind inzwischen 4 Meter hoch. Mir geht es stellenweise hundeelend. Uns wird immer übler, und am Ende können wir es nicht mehr halten.

Schlechtes Wetter.
Die Sichtweite ging stark zurück, dann begann es zu schneien – und jetzt waren wir ja noch im Südsommer und hatten erst den Breitengrad 60° Süd erreicht. 
Erster Schnee.
Am nächsten Morgen musste das Deck vom heftigen Schneefall freigeschaufelt werden.

 

Montag, 21.02.2022
Interessanterweise ist die Seekrankheit im Liegen und beim Schlafen kein Problem. Obwohl das Schiff nachts noch viel stärker zu rollen beginnt, können wir beide gut schlafen. Leider ist dieser "Luxus" mit dem Aufstehen gleich wieder vorbei. Zunächst können wir uns noch mit einem Trick behelfen. Nämlich den Horizont mit den Augen zu fixieren. Aber im Laufe des Vormittags nimmt die Bewölkung weiter zu, und es zieht immer dichterer Nebel auf. Das stellt uns vor die zusätzliche Herausforderung den Horizont überhaupt auszumachen. Und so wird die Seekrankheit immer schlimmer. Wir fühlen uns elend und fragen uns, wie das jetzt die nächsten zwei Wochen weitergehen soll. Als es um die Mittagszeit besonders schlimm wird, greifen wir doch zu Hilfsmitteln aus der Bordapotheke.

Unser Schwesterschiff auf dem Rückweg

Am Nachmittag geht es zunächst zur täglichen Temperaturmessung und anschließend zu einem weiteren Fachvortrag über die verschiedenen Vögel der Antarktis. Wir kommen bei den Melchior-Inseln an. Sie liegen zwischen den beiden großen Inseln Brabant und Anvers, beide Teile des Palmer Archipels. Hier ist das Meer dank der Abschirmung von Strömungen und Wind vergleichsweise ruhig und flach. Die Bewegungen des Schiffes nehmen merklich ab, und schlagartig ist die Seekrankheit verschwunden. Zum Glück.

Die Stiefel, die das Unternehmen allen Passagieren zur Verfügung stellte, wurden in einem eigenen Raum aufbewahrt, dessen Regale bestens beschriftet waren. Für das Einsteigen in das Zodiacboot standen immer zwei Männer bereit, die tatkräftig unsere Unterarme anpackten und uns an Bord zogen.

Kaum sind die maximal möglichen acht Passagiere im Zodiac, geht es mit voller Fahrt los. Schon der erste Zodiac-Ausflug im Bereich der Melchior Inseln, die noch weit vom Antarktischen Festland entfernt liegen, war wegen der gewaltigen Eismassen für uns alle überwältigend.

Obwohl der Himmel bewölkt war, macht uns unsere gut eine Stunde lange Bootsfahrt – überwiegend entlang der benachbarten Buchten, aber über offenes Wasser – wirklich Spaß.

Schließlich werden die Anker gelassen. Wir befinden uns nun auf 64° 19' 7" südlicher Breite und 62° 58' 32" westlicher Länge. Die Seitenluke wird geöffnet und zehn Zodiacs zu Wasser gelassen. Unser erstes großes Abenteuer in der Antarktis beginnt mit unserem ersten Zodiac-Ausflug. Wir sind gut ausgerüstet und vollständig eingepackt. Dabei sehen wir, wie die anderen Gäste auch, aus wie kleine blaue Michelin-Männchen. Wir tragen:

Voll ausgerüstet
In voller Montur.
  • lange Unterwäsche
  • Strümpfe und ein zweites Paar dicker Strümpfe
  • Hemd und Hose
  • wasserdichte Neopren-Hosen
  • Gummistiefel mit warmen Einlagen
  • Schal + Mütze + Handschuhe
  • dicker wasser- und windfester Parker
  • Rettungsweste
  • FFP2-Maske

 

Unser Schiff beherbergt auf dieser Expedition 110 von maximal 199 Gästen und hat 158 Besatzungsmitglieder. Die Gäste sind in zwei Gruppen zu je fünf Farben eingeteilt, die die Ausflüge nacheinander machen. Wir gehören der Farbe Weiß an. Acht Gäste nimmt jedes Zodiac auf. Diesmal ist es keine Anlandung, sondern nur eine Rundfahrt. Dank der Hilfe der Mitarbeiter ist das Besteigen der Zodiacs kein Problem. Wir sitzen auf der Außenwand aus Gummi nur wenige Zentimeter über der Wasseroberfläche. Mit der Hand könnten wir das eiskalte Wasser berühren.

Melchior-Inseln 

Die Melchior-Inseln sind eine in der Dallmann-Bucht zwischen der Anvers- und der Brabant-Insel vor der Westküste der Antarktischen Halbinsel gelegene Inselgruppe. Zu ihr zählen zahlreiche kleine, eisbedeckte, unbewohnte Inseln. Die Inseln wurden vermutlich von dem deutschen Walfänger Eduard Dallmann im Winter 1873/74 entdeckt. Die nächste Sichtung erfolgte bei der Vierten Französischen Antarktisexpedition (1903–1905) des Polarforschers Jean-Baptiste Charcot. Charcot hielt die heute als Eta- und Omegainsel bekannten Objekte für eine einzige Insel und benannte sie als Île Melchior. Namensgeber ist der französische Vizeadmiral Jules Bernard François Melchior (1844–1908), der Charcots Forschungsreise behilflich war. Nach argentinischen Antarktisexpeditionen in den Jahren 1942 und 1943 benannte man die einzelnen Inseln um und taufte zugleich die gesamte Gruppe Archipiélago Melchior. Auf der Lambdainsel wurde der Leuchtturm Primero de Mayo errichtet, der heute als Historische Stätte und Denkmal steht.  Fast alle Melchior-Inseln leiten ihren Namen von den Buchstaben des griechischen Alphabets ab. Dies sind im Einzelnen die Alphainsel, die Betainsel, die Gammainsel, die Deltainsel, die Epsiloninsel, die Etainsel, die Kappainsel, die Lambdainsel, die Pi-Inseln, die Psi-Inseln, die Rho-Inseln, die Sigma-Inseln, die Tau-Inseln, die Theta-Inseln und die Omegainsel. Eine Ausnahme ist die Bremeninsel, welche zufällig erst 2003 im Rahmen einer Kreuzfahrt von den Passagieren der Bremen entdeckt und offiziell nach diesem deutschen Kreuzfahrtschiff benannt wurde.  (aus Wikipedia)

Bei den diversen Ausflügen in den nächsten Tagen dürfen auch immer wieder Mitglieder der Besatzung in ihrer Freizeit teilnehmen. Das halten alle Gäste für eine tolle Sache und schöne Geste der Reederei gegenüber ihren Mitarbeitern, die durch die vielen Corona-Anforderungen und strengen Maßnahmen besonders herausgefordert werden und worden sind.

Die ersten Eismassen.
Für uns war es unglaublich, dass auf diesen kleinen Inseln noch weit jenseits des antarktischen Kontinents und zudem in der eisfreiesten Zeit des Jahres derart gewaltige Eismassen bis hinab zum Meerwasser zu bestaunen waren.

Obwohl der Himmel bewölkt ist, macht uns unsere gut eine Stunde lange Bootsfahrt - überwiegend entlang der benachbarten Buchten, aber über offenes Wasser - wirklich Spaß. Wir bewegen uns hier in einer neuen, für uns unbekannten Welt aus viel Wasser und Eis. In einiger Entfernung schwimmen Buckelwale vorbei. Auf einer der Inseln liegen Seebären, auf einer anderen befinden sich einige Eselspinguine. Manchmal fliegt ein Sturmvogel vorbei.

Spalten im Eis.Spalten im Eis.

Wir sehen die ersten größeren Eisschollen im Meer treiben und erkennen, dass es mindestens drei Arten von Eis gibt. Das normale weiße Eis aus gepresstem Schnee. Dann das lange Zeit unter hohem Druck gepresste und deswegen luftbläschenfreie blaue Eis. Es ist oft mit dem weißen Eis vergesellschaftet. Die dritte Art ist das aus blauem Eis durch Wegtauen der weißen Anteile im Meer entstehende schwarze Eis. Es ist komplett durchsichtig und daher sehr schlecht zu erkennen. Bei Nacht erscheint es komplett schwarz.

Sturmvogel
Manchmal fliegt ein Sturmvogel vorbei, eine Vogelart, die wir bei der Rückreise in grandioser Weise selbst bei stürmischer See erlebt haben, wo sie trotz all der wilden Wellen und des sturmgepeitschten Gischts kilometerweit immer nur ganz knapp über der Wasseroberfläche geflogen sind.

 

Am Ende der Fahrt kommt kurz die Sonne heraus, und wir sehen einen der großen Gletscher in strahlendem Sonnenschein. Ein perfekter Kontrast zur umliegenden nicht beschienenen Landschaft.

Eisberge in der Abendsonne.

 

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