Freitag, 18.02.2022
Die Nacht verläuft sehr unruhig. Gegen zwei Uhr durchfliegen wir eine lange Zone mit eher schweren Turbulenzen. Nicht zu schlimm für den Magen, aber doch so stark, dass an Schlafen nicht wirklich zu denken ist. Zwei Stunden vor der Landung in Buenos Aires beginnt die Dämmerung und kurz darauf blinzelt die Sonne über den Horizont. Wir kommen kurz vor acht Uhr Ortszeit morgens an. Die Zeitverschiebung beträgt derzeit vier Stunden. Und weil wir westwärts geflogen sind, liegen wir nun vier Stunden hinter Deutschland. Der Flug dauerte also gut dreizehn dreiviertel Stunden. Nach so langer Zeit im Sitzen sind wir dann froh, uns wieder bewegen zu dürfen. Dann werden es aber doch gefühlte fünf lange Stunden in der gewaltigen Warteschlange für die Einreisemodalitäten. Und das, obwohl im Moment nur ein Flugzeug gelandet ist. Am Ende waren es dann doch nur knapp zwei Stunden.
Der Flughafen von Buenos Aires ist im Vergleich zu Frankfurt und München recht überschaubar und könnte genau so gut auch in Südafrika stehen. Unser Immigration-Officer spricht Englisch, ist äußerst freundlich und legt eine wohlwollende Gelassenheit - selbst in Bezug auf die vorzulegenden Dokumente - an den Tag, die ich oft in südlichen Ländern angetroffen habe und für recht typisch halte. Wir sehen kurz unser aufgegebenes Gepäck, bevor es von Mitarbeitern der Reederei zur Aufbewahrung gebracht wird. Wir steigen in den bereitstehenden Bus und fahren vom Flughafen, der in den Außenbezirken der Stadt liegt, in Richtung Innenstadt zum Hotel Four Seasons. Es ist sonnig und mit 25 °C angenehm warm.
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Buenos Aires hat circa 3 Millionen Einwohner in der Kernstadt und weitere 12 Millionen in der umliegenden, gleichnamigen Provinz. Das macht zusammen etwa 40 Prozent der Bevölkerung von ganz Argentinien. Im Vergleich zum südlichen Teil der Stadt, wird der nördliche Teil überwiegend von wohlhabenden Familien bewohnt. Das lässt sich auch sehr schön am Stadtbild ablesen.
Insgesamt ist der Verkehr für einen Freitag Vormittag sehr moderat, und der Bus bräuchte gar nicht die neu eingerichtete Busspur auf der Stadtautobahn. Aber auch so haben wir das Gefühl, dass nicht wirklich viel in der Stadt los ist. Ob das an Corona liegt oder an der Tendenz der Städter, im hiesigen Sommer übers Wochenende aufs Land zu fahren, können wir nicht ausmachen.
Im Hotel angekommen werden wir direkt in einen Konferenzraum geführt, wo wir einen Corona-Test absolvieren müssen. Alle Gäste werden danach umgehend auf ihre Zimmer geschickt und vorübergehend unter Quarantäne gestellt, bis die Testergebnisse eintreffen. Wieder endloses Warten und die unangenehme Unsicherheit. Hoffentlich haben wir uns - dank der während der Anreise permanent getragenen FFP2-Masken - nichts eingefangen. Nach etwa einer Stunde kommt der Anruf. Beide Tests sind negativ. Damit haben wir zwei Drittel der Hürden auf dem Weg zu unserem Schiff erfolgreich überstanden.

Wir dürfen nun das Hotelzimmer wieder verlassen und machen uns gleich auf zu einer Wanderung in der Umgebung des Hotels. Wir wollen einen kleinen, etwa einen halben Kilometer vom Hotel entfernten Park besuchen und dann in einem weiten Bogen wieder zum Hotel zurück laufen. Unweit des Parks verläuft eine Eisenbahnlinie - die Personenzüge fahren atemberaubend langsam - und dahinter sehen wir wieder Favelas, die Slums oder Armenviertel. Wir laufen noch etwa hundert Meter weiter zur Staatlichen Juristischen Universität, die in einem Gebäude untergebracht ist, dessen Fassade an einen griechischen Tempel mit seinen Säulen erinnert. Von hier überqueren wir die große Avenida über eine lange Fußgängerbrücke direkt in den Park hinein. Dort sehen wir mehrere schöne und riesige Gummibäume mit gewaltigen Stammdurchmessern und Ästen die nur knapp zwei Meter über dem Boden fast horizontal weit in die Umgebung ragen. Außerdem sehen wir Florettseidenbäume mit ihren wunderschönen rosafarbigen Blüten. Wir finden ebenfalls mehrere Jakaranda-Bäume, die im Herbst über und über violett blühen, und die ich vor allem von den Alleen der südafrikanischen Hauptstadt Pretoria kenne.
Wir laufen weiter zur Avenida vom Neunten Juli. Sie ist eine gewaltige Straße mit vielen Fahrspuren. Vielleicht trifft die Bezeichnung Prachtstraße besser zu. Jedenfalls ist sie mächtige 140 Meter breit. Von dieser Avenida aus sehen wir in einer Richtung den großen Obelisken, der mit seinen 67 Metern Höhe gerne zur Orientierung genutzt wird, und in der anderen Richtung unser Hotel.
Um zwei Uhr Nachmittags sind wir zu einer vierstündigen Stadtrundfahrt und Stadtbesichtigung eingeladen. Insgesamt haben wir auf dieser Tour vier Anlaufpunkte. Der erste Halt findet am Hauptplatz vor der Kathedrale und dem Regierungsgebäude mit dem Reiterdenkmal statt. Nach einem kurzen Aufenthalt geht es weiter in das ehemalige Hafengebiet, das Stadtviertel La Boca mit seinen vielen originellen, kleinen und bunten Häusern. La Boca entstand Ende des 19. Jahrhunderts als Viertel italienischer Einwanderer, die meist als Industriearbeiter tätig waren. Viele der ersten Einwohner stammten aus der italienischen Hafenstadt Genua. Die Häuser wurden aus dem Blech abgewrackter Schiffe gebaut und mit Schiffslack bunt bemalt. Aus deren Fenstern schauen und auf deren Balkonen stehen Leute, diese sind allerdings nur Figuren. Dieses Stadtviertel ist für seine vielen Tangotänzer auf den Straßen berühmt.
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Danach fahren wir in das Stadtviertel Recoleta und besuchen den alten Friedhof. Insbesondere auch das Grab der hoch geschätzten Evita Perón, die 1947 das aktive und passive Wahlrecht für Frauen durchsetzte, Armen und Kranken vorbildlich Hilfe zukommen ließ, aber mit 33 Jahren als First Lady Argentiniens verstarb. Im Park vor dem Friedhof sehen wir erneut einen gewaltigen Gummibaum. Zum Abschluss fahren wir noch in den Stadtteil Palermo. Es ist der größte Stadtteil von Buenos Aires und ist in mehrere Bezirke aufgeteilt. Wir besuchen das Grüne Palermo mit drei sehr schönen Parks.
Obwohl wir zu hoher Vorsicht vor Taschendiebstählen angehalten wurden, hatte ich hier in Buenos Aires nie das Gefühl von Gefahr. Das liegt aber vielleicht am afrikanischen Training. Insgesamt fällt eine relativ hohe Polizeipräsenz positiv auf. Auf dem Rückweg sehen wir an einer Tankstelle den Preis für Diesel Kraftstoff. Der kostet hier 50 Eurocent pro Liter. Das würde meinem Rony sicherlich gefallen.
Samstag, 19.02.2022
Feueralarm!? Wir hören ein sehr lautes Sirenengeräusch. Dann kommt eine Ansage in Spanisch, die wir nur ganz grob verstehen. Es scheint ein Alarm zur Evakuierung zu sein. Es ist kurz vor ein Uhr. Das ist wirklich nicht witzig! Jetzt kommt die Durchsage auch in Englisch. Feueralarm. Wir befinden uns im elften Stock. Über den Notausgang müssen wir bis zu unserem Sammelpunkt im Erdgeschoss gehen. Die Aufzüge sind abgeschaltet. War die letzte Nacht im Flugzeug schon recht schlaflos, hatten wir gehofft, wenigstens heute Nacht gut schlafen zu können. Wir quälen uns aus dem Bett und machen uns mit anderen Gästen unseres Stockwerks zum Notausgang und dann die Hintertreppen hinunter Richtung Freiheit. Im siebten Stockwerk angekommen, begegnet uns ein Gast, der von unten wieder hochkommt und berichtet, dass es sich um einen Fehlalarm handelt und wir wieder zurück könnten. OK. Wir schleppen uns wieder die Treppen hinauf in unser Stockwerk und bringen dabei unseren Kreislauf richtig in Schwung. Entsprechend schlaflos verläuft der Rest der Nacht, bevor um 04:20 Uhr der verabredete Weckruf kommt. Um 05:00 Uhr sitzen wir bereits im Bus und fahren los in Richtung Flughafen.
Die Abwicklung am Flughafen verläuft dank der typischen Gelassenheit der Mitarbeiter völlig problemlos. Dann kommt das lange Warten am Gate. Und das nervt diesmal gehörig. Schließlich hätten wir alle gerne noch etwas länger geschlafen. Es ist ein Charterflug von Buenos Aires nach Ushuaia exklusiv für Gäste unseres Expeditionsschiffes. Das Flugzeug ist nicht voll, und so bleibt zum Beispiel der Sitz neben mir frei. Der Flug selbst ist sehr ruhig und angenehm.
Leider ist wegen der vielen Wolken nur hin und wieder ein kurzer Blick auf Land oder Ozean zu erhaschen. Wir kommen nach bereits 3 Stunden 20 Minuten in Ushuaia an. Kurz vor der Landung durchstoßen wir die Wolkendecke und sehen dann die Stadt, die umgebenden Berge und den berühmten Beagle Kanal. (Anmerkung: die Beagle war das Segelschiff, mit dem der meist seekranke Charles Darwin eine der berühmtesten Seereisen der Wissenschaft unternommen hat und so zu seiner bahnbrechenden Erkenntnis über die "Entstehung der Arten" gelangt ist). Landung um 11:00 Uhr. Das Aussteigen und die Abfertigung am Flughafen gehen recht schnell. Und so sitzen wir schon wenige Minuten später im Bus und bekommen eine kleine Stadtrundfahrt durch Ushuaia, das sich in den letzten 15 Jahren auf nun erschreckende 100.000 Einwohner verdoppelt hat. Eine Menschenmasse, die die Natur in dieser kalten Umgebung kaum verkraften werden wird. Schließlich laufen hier alle Stoffwechselprozesse nach den Gesetzen der Chemie bedeutend langsamer ab als in unseren wesentlich wärmeren Breiten.
Als wir am Hafen und an unserem Schiff ankommen, werden alle Passagiere nach Deck aufgerufen und an Bord gebracht. Und sofort in ihre Kabinen verfrachtet. Kurz darauf kommt eine Schwester zur Probenahme für den nächsten Corona-PCR-Test. Übrigens sind alle Mitreisenden ohne Ausnahme dreifach geimpft. Und dann heißt es erneut für alle Quarantäne auf der eigenen Kabine und abwarten. Zeit für uns die Koffer auszupacken und die Kabine in Besitz zu nehmen. Unsere Kabine ist mit 22 m² für ein Schiff recht luxuriös und auch das Bad ist relativ geräumig. Wir beobachten von unserem kleinen Außenbalkon die Betankung des Schiffes (mit 33 / 3475). Wir haben das Verladen von fünf Tanklastwagen (2 x 35.000 und 3 x 36.000 Litern) mit 178.000 Litern Diesel beobachtet.
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Und dann kommt nach gut zwei Stunden die Entwarnung. Endlich! Alle Besatzungsmitglieder und alle Besucher an Bord sind negativ getestet. Zum Glück! Wir dürfen nun die Kabinen mit Masken verlassen. In den Außenbereichen an Deck dürfen wir bei ausreichendem Abstand die Masken sogar abnehmen. Nun wurden wir nach Kabinennummern aufgerufen, um den eigentlichen Check-in durchzuführen. Die Mannschaft ist wirklich super freundlich. Wir bekommen so oft gesagt, wie sehr sie sich auf uns und unsere Expeditionsfahrt freuen. Wir erfahren, dass die Mannschaft seit fünf Wochen auf dem Schiff in Ushuaia in Quarantäne war und entsprechend das Schiff die ganze Zeit über nicht verlassen durfte. Das erklärt natürlich die Freude.
Wir nehmen unser Abendessen in einem der drei Bordrestaurants ein. Wobei wir uns auf drei von sieben Gängen beschränken. Um kurz nach 20 Uhr legen wir vom Kai ab und durchfahren zunächst den Beagle Kanal in östlicher Richtung. Kurz vor Mitternacht geht der Lotse von Bord, und wir fahren in die berüchtigte Drake Passage ein mit Kurs Richtung Süden. Das Wetter und vor allem der Wind sind untypisch ruhig. Das Schiff fährt mit 15 Knoten. Die Dünung des Meers bewegt das Schiff nur sanft.
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