Samstag, 26.02.2022
Von allen Seiten ist der Antarktische Kontinent von Meeren umgeben. Die südpolaren Seegebiete des Atlantischen, Pazifischen und Indischen Ozeans legen sich wie ein einziger geschlossener Ring um seine Landmasse und formen zusammen das Südpolarmeer. Es ist durch zahlreiche, über 5.000 m tiefe Becken gekennzeichnet und erreicht im atlantischen Teil an der Meteor-Tiefe des Südsandwichgrabens mit 8.246 m seine größte Tiefe.
40 Prozent der circa 30.000 km langen Antarktisküste bestehen aus Schelfeis und schützen den Kontinent vor dem stürmischen Südpolarmeer. Schelfeis sind schwimmende Eisplatten von großflächigen Ausmaßen, die mindestens zwei Meter über den Meeresspiegel reichen und von Inlandseis, Gletschern oder Eisströmen gespeist werden.
Das Weddellmeer ist Teil des südlichen Ozeans und strotzt nur so vor Eismassen. Das einst zusammenhängende Schelfeis besteht heute nur noch aus drei Reststücken, dem Filchner Schelfeis, dem Larssen Schelfeis und dem Nordenskjöld-Schelfeis mit zusammen 270.000 km². Das Packeis ist auf dem 2,8 Millionen km² großen Meer laufend in Bewegung und wandert im Uhrzeigersinn. Eine Eisscholle benötigt dabei knapp vier Jahre für eine komplette Umrundung.
Wir ankern vor unserer Landestelle auf Paulet Island, einer kleinen Vulkaninsel mit knapp zwei Kilometern Durchmesser am Rande der Weddellsee. Der Vulkan gehört zum Typ der Strato- oder Schichtvulkane, deren Hügel aus Aschen und zerborstenen Basaltgesteinen bestehen, und formt einen Vulkankegel, der in den letzten 300.000 Jahren reichlich erodiert ist. Eigentlich lebt auf der Insel eine riesige Kolonie von Adéliepinguinen. Mit circa 100.000 Nestern die größte in der Antarktis. Der Krater im Zentrum ist folgerichtig mit Wasser und Hinterlassenschaften der Pinguinkolonie gefüllt und heißt daher auch Giftsee von Paulet Island. Auch einige Blauaugenkormorane haben hier ihre Brutplätze. Allerdings kommen wir jahreszeitlich etwas zu spät, so dass die Pinguine bereits ausgeflogen sind, und wir nur vereinzelte Tiere beobachten können.
Heute morgen hat es während unseres Landausflugs angenehme 4 °C Außentemperatur, und die Sonne scheint. Das Seewasser ist 1 °C kalt. Es weht ein mäßiger Wind bei einem Luftdruck von 990 hPa. Beim Übersetzen mit dem Zodiac sehen wir in der Ferne einige riesige flache Tafeleisberge. Bei der Anlandung liegen einige Eisschollen am Strand oder treiben in Ufernähe. Auf der Insel selbst sehen wir nur vereinzelt Pinguine, dafür aber eine große Zahl von Pelzrobben, genauer Seebären. Wir wandern auf die kleine Anhöhe und können von dort den Kratersee sehen. Von Zeit zu Zeit weht der Wind einen bestialischen Gestank herüber.
Nach Abschluss der Anlandung hat der Wind auf Windstärke 5 zugenommen, der Himmel ist bedeckt und die Lufttemperatur ist auf nur noch ein halbes Grad gefallen. Auf dem Weitreichenradar hatte der Kapitän vorhin große Eisberge ausgemacht und entscheidet spontan, einen Ausflug mit dem Schiff in die Weddellsee zu unternehmen, um uns möglicherweise einen Tafeleisberg präsentieren zu können. Wir fahren also weiter nach Süden. Dieser ungeplante Abstecher sollte sich tatsächlich als absoluter Glücksgriff herausstellen.
Nach relativ kurzer Fahrt sehen wir in der Ferne die ersten Eisberge. Es sind tatsächlich Tafeleisberge mit riesigen Ausmaßen. Sie ragen bis zu 40 m aus dem Wasser hervor. Wir kommen einigen dieser Berge gewollt sehr nahe und können uns kaum satt sehen. Wir unternehmen sogar eine kleine Slalomfahrt zwischen einer Gruppe von hintereinander treibenden Eisriesen. Der Kapitän fährt noch etwas weiter nach Süden.
Dann ertönt plötzlich eine Durchsage "Schauen sie nach Backbord! Wale". Das Schiff wird gestoppt und alle Gäste springen vom Mittagstisch auf und starren nach draußen. Dort schwimmen zwei oder drei Buckelwale ganz nahe am Schiff. Sie fressen dort Krill. Es ist ein tolles Schauspiel - blöd nur, dass die Kamera gerade in der Kabine liegt. Obwohl der Kapitän das Schiff verlangsamt und sogar umdreht, ist das Schauspiel relativ schnell wieder vorbei.
Aus einem Instinkt heraus begeben wir uns dick eingepackt mit Photoausrüstung auf den Nature Walk auf Deck 6 bis an die Spitze des Schiffes. Der Fahrtwind pfeift uns bitterkalt um die Ohren. Eine phantastische Landschaft aus Meer und riesigen Eisbergen. Da sehen wir in geringer Entfernung eine kleine Gruppe von Finnwalen beim Fressen. Ganz in ihrer Nähe schwimmt eine Gruppe von Kapsturmvögeln auf dem Wasser und beteiligt sich am Festmahl. Darunter haben sich sogar zwei Silbersturmvögel gemischt.
Wenig später sehen wir erneut Buckelwale. Es sind zwei getrennte Gruppen, die nicht weit vom Schiff zu sehen sind. Und je länger wir schauen, desto mehr Tiere werden es. Am Ende sind es wohl um die zwölf Buckelwale, die hier zum gemeinsamen Krillfressen zusammengekommen sind. Das Schiff wird ruhig in Position gehalten. Die ganze Aktion konzentriert sich jetzt auf die Backbordseite. Alle sind wie gebannt. Da kommt plötzlich ein Geräusch vom Bug des Schiffes. Ich reiße die Kamera herum und drücke den Auslöser durch. Ein Buckelwal ist aus dem Wasser gesprungen, und ich sehe noch, wie er mit einem gewaltigen Platsch wieder zurück ins kühle Nass zurückkehrt. Und ob das nicht schon genug wäre, wiederholt er das Schauspiel ein zweites Mal. Es ist einfach überwältigend. Er springt mit dem ganzen Körper aus dem Wasser und lässt sich anschließend erneut ins Wasser zurückfallen.
Wir machen uns langsam wieder auf in Richtung Norden. Auf einer Eisscholle treibt eine niedliche Robbe vorbei und schaut kurz zu uns auf. Kurz darauf eine ganze Gruppe von Robben. Dann sehen wir vor dem Schiff erneut Wale auftauchen. Es sind Killerwale oder Orcas. Es sind zwei Gruppen mit jungen Tieren. Sie springen zum Luftholen immer wieder aus dem Wasser. Es ist einfach unglaublich. Selbst die Experten an Bord sind überrascht von unserer heutigen Beobachtungsdichte.
Schließlich erreichen wir die Ausfahrt aus der Weddellsee durch den Antarktischen Sund. Dort im Sund liegt Brown Bluff, ein eindrucksvoller Tafelberg an der äußersten Nordspitze der Antarktischen Halbinsel. Die 745 m hohe braune Klippe liegt bei 63° 30' 56" südlicher Breite und 56° 52' 12" westlicher Länge. Hinter einem breiten, ebenen und gut begehbaren Kiesstrand ziehen sich immer steiler werdende Hänge aus braunem Geröll mehrere hundert Meter hinauf bis zu einer senkrecht aufragenden Klippe. Diese Felswand reicht 500 m in die Höhe und beherrscht die Landschaft. Sie tritt auch farblich mit einem satten Gelbton hervor, der einen Hinweis auf die interessante geologische Entstehungsgeschichte des Gesteins gibt. Die gesamte Felsformation ist nämlich Teil eines größeren, im Durchmesser wahrscheinlich 20 bis 40 km umfassenden, subglazialen Schildvulkans, der vor mehr als einer Million Jahren entstand. Der Felsen wird von Kolonien von Adélie- und Eselspinguinen besiedelt. In den oberen Stockwerken nisten unter anderem Kap- und Schneesturmvögel und in den unteren Dominikanermöven.
Unsere Anlandung hält erneut ein Abenteuer für uns bereit - aufgrund von dicht treibenden Eisschollen in Ufernähe und sehr dichtem Nebel. Nach nur wenigen Metern ist unser Schiff im Nebel nicht mehr zu erkennen. Aber auch unsere Anlandeposition ist absolut nicht zu auszumachen. Es beginnt eine spannende Anlandung, fast wie Stochern im Nebel. Bei unserer Ankunft ist leider die gesamte Felsformation im dicken Nebel verborgen. An Land sehen wir wie erwartet einige Adéliepinguine, Eselspinguine, Weißkopfscheidenschnäbel und Dominikanermöven, vereinzelt eine Pelzrobbe. Die Rückfahrt zum Schiff gestaltet sich im dichten Nebel erneut schwierig. Aber nur scheinbar. Die Zodiacfahrer werden bei Bedarf vom Radaroffizier auf der Schiffsbrücke per Funk eingewiesen.
27.02.2022
Im August 1914, mit Ausbruch des ersten Weltkrieges, verließ Ernest Shackleton mit seinem Schiff "Endurance" England. Das Ziel war, soweit wie möglich nach Süden in die Weddellsee vorzustoßen, um einen günstigen Ausgangspunkt für das sechsköpfige Expeditionsteam mit 70 Schlittenhunden zu erreichen. Von dort wollte das Team die erste transantarktische Durchquerung über den Südpol schaffen. Am 05. Dezember 1914 fuhr die Endurance von Südgeorgien ab. Der südliche Sommer 1914 / 1915 war besonders kalt, und so wurde das Schiff schon bald von Presseis eingeschlossen und trieb so 6½ Monate im Weddellmeer. Dann brach die Eisscholle auseinander und das bereits lecke Schiff wurde vollends zerdrückt und sank.
Die Besatzung musste mit Hunden, Schlitten, Proviant und drei Rettungsbooten auf dem Eis Zuflucht suchen. Aber nach einem knappen halben Jahr wurde auch das in der wärmeren Jahreszeit immer gefährlicher. Man musste in die Boote und erreichte im April 1916 endlich Elephant Island, 420 Tage nach der Eisdrift. Aber auch hier bestand keinerlei Aussicht auf Rettung, weil die Insel fern aller Schiffsrouten und Walfangstationen lag. Also ließ Shackleton 22 seiner Männer unter Führung von Frank Wild am Point Wild auf Elephant Island zurück und brach mit 5 Anderen in einem sechs Meter langen Beiboot auf, um im 1.500 km entfernten Südgeorgien, dem nächsten bewohnten Ort, Hilfe zu holen.
Diese Bootspassage durch das stürmischste Meer der Welt mit zum Teil gewaltigem Seegang, seinen starken Strömungen und langen Schlechtwetterperioden stellte für die Navigation mit den damaligen Mitteln (Seekarten, Sonnenstand, Gestirnen und astronomische Nachschlagewerke) eine extreme Herausforderung dar. Wie leicht hätten sie diese winzige Insel im gewaltigen Ozean verfehlen können. Diese 16-tägige Passage in einer kleinen Nußschale bewältigt zu haben, stellt eine einmalige nautische Meisterleistung dar.
Shackleton und seine 5 Begleiter haben es schließlich geschafft und konnten nach weiteren körperlichen Strapazen auf Südgeorgien schließlich Hilfe organisieren. Aber erst beim vierten Rettungsversuch gelang es Shackleton mit dem chilenischen Trawler Yelcho durch das winterliche Eis zu seiner Mannschaft auf Elephant Island vorzustoßen und die 22 Männer nach 128 Tagen im August 1916 zu retten. Diese hatten in zwei umgedrehten Beibooten auf der Spitze einer schroffen Felsformation überlebt. Sie hatten von Robben, Pinguinen und geschmolzenem Eis gelebt.
Seit dieser Zeit gilt folgender berühmter Satz des akademischen Polarforschers Sir Raymond Priestley:
Für Wissenschaftliche Entdeckungen gebe man mir Robert Falcon Scott, für Schnelligkeit und Effizienz beim Reisen gebe man mir Roald Amundsen; wenn aber die Katastrophe hereinbricht und alle Hoffnung verloren ist, dann gehe auf die Knie und bete für Ernest Shackleton.
Elephant Island ist die nördlichste der Südshetlandinseln. Sie ist knapp 40 km lang, erstreckt sich hauptsächlich in Ost-West-Richtung und ragt schroff aus dem Meer. Unser Ziel Point Wild liegt auf der Nordseite von Elephant Island in der östlichen von zwei nebeneinanderliegenden Buchten auf 61° 5' 46" südlicher Breite und 54° 52' 6" westlicher Länge. Eine Anlandung ist selten möglich, da der schmale Uferbereich von Pelzrobben, Seeelefanten und Zügelpinguinen beansprucht wird.
Mit dem Zodiac geht es heute zu einer Rundfahrt. Die Außentemperatur beträgt nur 3 °C, die Wassertemperatur 2 °C. Es hat 100% Luftfeuchtigkeit, und es herrscht eine Hochdrucklage. Die Sichtweite aufgrund des Nebels beträgt gerade einmal 100 Meter.
Zunächst versuchen wir uns der Inselküste zu nähern. Diese taucht nach einiger Zeit im dichten Nebel auf. Vereinzelt sehen wir dort einen Adéliepinguin. Danach drehen wir ab, um uns etwas den benachbarten Gletscher anzusehen. Wir durchfahren mehrfach ganze Felder mit schwimmenden Eisschollen. Einmal würgt unsere Fahrerin den Motor fast ab. Da ist wohl zu viel Eis unter das Zodiac geraten und blockiert jetzt die Schraube. Sie hebt den Antrieb aus dem Wasser und tatsächlich schwimmen einige größere Eisbrocken unter dem Boot hervor.
Wir nähern uns der Position des Gletschers, sehen aber im Nebel absolut gar nichts. Alle Insassen versuchen konzentriert irgendetwas im Nebel zu erkennen. Wir hören hintereinander zwei kleinere Eisabbrüche von der Gletscherkante, können aber nichts erkennen. Dabei machen wir uns zur Navigation die Gegebenheit zu Nutze, dass der Horizont dort heller ist, wo der Gletscher bis ans Meer reicht, als dort, wo Felsen bis ins Wasser ragen. Diese Helligkeitsunterschiede erlauben uns eine grobe Orientierung und einen ausreichenden Sicherheitsabstand zu halten, ohne den Gletscher selbst zu sehen.
Wir fahren etwas weiter zu dem historischen Ort, an dem Sir Ernest Shackleton 1916 nach seiner gescheiterten transantarktischen Expedition einen Teil seiner Mannschaft zurück ließ, um Hilfe zu organisieren. Die Mannschaft hat den nahegelegenen Gletscher als Frischwasserquelle genutzt. Wir sehen im Nebel einige wenige Felsen. Kaum zu glauben, dass dort 22 Mann insgesamt vier Monate ausgeharrt haben, ohne zu wissen, ob sie je gerettet werden. Jedenfalls beim jetzigen Nebel oder bei schweren Stürmen und Unwettern erscheint der Ort völlig trostlos und unbewohnbar.
Wir umrunden eine kleine Landzunge und gelangen in eine winzige Bucht. An der engsten Stelle schwimmt ein Seeleopard, der soeben einen Pinguin getötet hat. Als wir vorbeifahren, ist der Pinguin für den Seeleoparden plötzlich völlig uninteressant geworden und das neugierige Tier interessiert sich stattdessen intensiv für uns beziehungsweise unser Boot. Er taucht immer wieder mit dem Kopf auf und schwimmt dann unter unserem Zodiac hindurch. Als wir langsam weiterfahren, folgt er uns neugierig. Immer wieder taucht er mit dem Kopf aus dem Wasser und begutachtet uns. Für mindestens fünf Minuten hat unser Schlauchboot einen Gefährten.
Auf dem Rückweg zum Schiff fahren wir erneut durch mehrere große Eisfelder. Es ist ein Mordsspaß. Als wir wieder auf dem Schiff ankommen, gibt es erneut einen Antigentest für alle. Hurra! Nachdem es heute nur eine Ausschiffung gibt, hören wir am Nachmittag noch zwei interessante Fachvorträge. Zum einen über Seevögel - ein Leben auf den Meeren der Welt und zum anderen einen sehr persönlichen über Mann und Wal - wie Opa auf Walfang reiste.
Vor dem Abendessen treffe ich unseren Kapitän Ulf, und wir plaudern etwas über die Technik im Maschinenraum. Da alle heutigen Tests negativ waren, stellt er mir in Aussicht, dass er während der kommenden Fahrtage die Brücke für angemeldete Besucher öffnen werde. Das ist natürlich eine tolle Aussicht.
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