Auf nach Südgeorgien

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Montag, 28.02.2022
Über Nacht sind wir die 277 nautischen Meilen von Elephant Island, am nördlichen Ende der Südshetlandinseln, bis Coronation Island, die Teil der Süd Orkney Inseln ist, gefahren. Nachts war die Fahrt etwas unruhig, aber keinesfalls unangenehm. Heute morgen ist das Meer wieder ganz eben. Wir fahren an einem Teil der stark vergletscherten Coronation Island vorbei. Im Wasser treiben wieder viele kleine Eisbrocken und manche größere Eisscholle.

Wir haben bestes Wetter und strahlenden Sonnenschein. Die Außentemperatur beträgt 4°, die Wassertemperatur 1 °C, der Luftdruck hält sich relativ stabil bei 992 hPa, und der Wind wechselt zwischen ganz still bis zu schwacher Windstärke 2. Wir nähern uns unserer Anlandeposition Shingle Cove im Süden von Coronation Island und lassen bei 60° 39' 7" südlicher Breite und 45° 32' 57" westlicher Länge die Anker. Die Wassertiefe beträgt hier nur 30 Meter.

Aufgrund der sehr unterschiedlichen Temperaturen innerhalb und außerhalb des Schiffes ist ein ständiges An- und Ausziehen der warmen und wasserfesten Kleidungsschichten notwendig. Aber es ist schon etwas nervig. Denn dies ist nicht nur für die Ausbootungen notwendig, sondern meistens auch dann, wenn wir auf den Nature Walk auf Deck 6 oder auf das Observation Deck 9 gehen. Aufgrund des kalten Windes, der dort durch den Fahrtwind erheblich verstärkt wird, würden wir sonst nur wenige Minuten durchhalten und erfrieren.

In der Bucht schwimmt ein großer Eisberg. Und auf einer vorbeitreibenden Eisscholle sitzt ein Seeleopard und schaut uns interessiert zu. Seine Scholle bewegt sich langsam um den Eisberg, und wir werden ihn später wieder sehen. In der Ferne erblicken wir viele leuchtend weiße Eisberge. Wir unternehmen erneut eine Zodiac-Anlandung. Die eisfreien Felsen der Insel sind mit gelben und orangenen Flechten und leuchtend grünen Moosen bewachsen. Die Moose sind ein Indiz dafür, dass wir inzwischen schon wieder deutlich Richtung Norden vorgedrungen sind.

An Land sehen wir ein paar Pelzrobben, genauer Seebären. Sie toben auch auf einem kleinen Felsen in Ufernähe herum. Nur unweit unserer Anlandestelle liegt eine Gruppe von vielleicht dreißig Seeelefanten mit ihren Jungen am Strand herum und badet in der Sonne. Manchmal erhebt sich eines der Tiere und robbt eher unbeholfen über die Anderen, um einen besseren Platz zu ergattern. Sie geben recht viele Geräusche aus allen Körperöffnungen von sich. Ästhetisch können die Tiere nicht wirklich überzeugen, denn sie sehen aus wie große Walzen aus Fett. Selbst bei den Kleinen funktioniert das Kindchenschema nur bedingt. Und dennoch vollbringen diese Tiere eine ungeheure Leistung. Nachdem sie sich innerhalb weniger Sommerwochen das lebenswichtige Körperfett angefressen haben, überleben sie anschließend Monate in einer Gegend, die für die allermeisten anderen Tierarten nur eine lebensfeindliche Umgebung darstellt.

Zwischen den Seeelefanten taucht ein Riesensturmvogel auf und kämpft sich zum Wasser durch. Auf dem Weg zurück zum Schiff machen wir auf Bitten unserer Biologin einen kleinen Abstecher zum Planktonfischen. Sie möchte diese Kleinstlebewesen auf dem Schiff im Mikroskop den Mitreisenden zeigen. Mit Hilfe eines sehr engmaschigen (0,5 µm), sich verengenden Netzes mit einer Probenkammer am Ende fischt sie pflanzliches und tierisches Plankton aus dem Meer. Diese winzigen Lebewesen stellen den Anfang aller Nahrungsketten in diesen eisigen Gegenden dar. Es ist unglaublich, aber gleichzeitig stellen sie den Großteil der gesamten Biomasse im Südpolarmeer dar. Alle anderen Lebewesen in dieser Region haben nur dank dieser Winzlinge überhaupt eine Lebensgrundlage.

Während wir auf die Rückkehr der letzten Zodiacs warten, beobachten wir, wie ein kleiner Eisberg mit dem stehenden Schiff kollidiert und daraufhin in zwei Teile zerbricht. Danach kommt es immer wieder zu erneuten Abspaltungen von Eisbrocken. Dieses Zer- und Abbrechen ist jedesmal von einem sehr charakteristischen Knacken begleitet. Übrigens kann man das daheim nach machen. Wenn der Gefrierschrank mal wieder dringend abgetaut werden müsste, kann man sich dort eine dieser, an der Gefrierfachwand anhaftenden Eisplatten ablösen. Solange diese noch sehr kalt ist und sich auf ihrer Oberfläche trocken anfühlen, funktioniert es. Die Eisplatte einfach ins Waschbecken mit etwas Wasser geben. Nach kurzer Zeit beginnt das Eis genau die gleichen Geräusche zu erzeugen.

Hurra! Wieder Corona-Schnelltests für ALLE. Wir nehmen wieder Fahrt auf in Richtung nach Norden zur Cooper Bay im Osten von Südgeorgien. Dafür ist ein voller Seetag vorgesehen. Zunächst aber soll es im Süden vorbeigehen an der stark vergletscherten Coronation Island und Laurie Island.

Was aber nun folgt, können wir nur als einzigartiges Eldorado von riesigen Eisskulpturen bezeichnen. Eisberge mit einer solch unbeschreiblichen Vielfalt an Größen, Formen und Farben. Mit vielfältigen großräumigen Strukturen und unterschiedlichsten feinsten Oberflächenstrukturen. Mit und ohne Sonne. Matt und glänzend. Im Kontrast zu den Wolken oder zum blauen Himmel. Mit kleinen und riesigen Löchern und Aushöhlungen an ihren Stirnseiten. Zum Teil sind diese Höhlen so groß, dass unser Schiff hineinpassen könnte. Und von jeder Seite und aus jedem Blickwinkel sehen sie vollkommen anders aus. Zum Teil haben die Tafeleisberge solch gewaltige Ausmaße, dass man es einfach erlebt haben muss. Photos können das weder in den Dimensionen, in der Komplexität, in der Vielfalt noch in den vielen Nuancen der Farbpalette adäquat wiedergeben.

Während der gesamten Fahrt sehen wir wirklich zehntausende Teile von Treibeis und viele Hunderte von Eisbergen mit überwiegend gewaltigen Ausmaßen. Wir schießen trotz der Unzulänglichkeiten der Technik Tausende von Photos. Einer der größten Tafeleisberge in Keilform, den wir dank der Mithilfe der Brücke in seinen Dimensionen abschätzen können, misst 2,5 km in der Länge und 200 m an der schmalen und 800 m an seiner breiten Kante. Angesichts der 160 m Wassertiefe und seiner Höhe von geschätzten 40 m kommt man auf ein Volumen von mindestens 250 Millionen Kubikmetern oder einem Süßwasserreservoir von circa 250 Milliarden Litern Trinkwasser.

Das Gebiet der Süd Orkneys ist aufgrund der relativ geringen Wassertiefe von nur 160 m als Eisbergfriedhof bekannt. Viele dieser Giganten mit Höhen zwischen 10 und 50 Metern über Wasser laufen hier zum Teil auf Grund und bleiben dann für sehr lange Zeit gefangen. Man erinnere sich, von einem Eisberg sind über Wasser nur etwa 1/7 ihrer Gesamtmasse zu sehen und 6/7 verbergen sich unterhalb der Wasseroberfläche.

Erneut ein für uns überaus ereignisreicher Tag mit fast unbeschreiblichen Erlebnissen. Wir hatten im jetzigen Spätsommer so weit im Norden nicht mehr mit solchen schier endlosen Massen an Eis gerechnet und wurden wirklich positiv überrascht. Schließlich sind wir ja vor allem auch wegen des Eises in die Antarktis gereist. Nach dieser wirklich überwältigenden Passage warteten noch zwei interessante Fachvorträge auf uns. Der erste eine Einführung in das vor uns liegende Südgeorgien und dann über Sir Ernest Shackleton - der wahre Held der britischen Polargeschichte.

Mit unserer Annäherung an Südgeorgien mussten wir nun ab sofort mit Einbruch der Dunkelheit alle äußeren Lichter löschen und alle Fenster verdunkeln. Dies dient zum Schutz der Seevögel, die nachts durch die Lichter irritiert werden könnten.

Um 21:30 Uhr wartete noch ein letzter Tagesordnungspunkt auf uns. Der Kapitän lud zu einer Gesprächs- und Fragerunde in den großen Vortragssaal auf Deck 4 ein und stand wirklich bei allen Fragen der Mitreisenden Rede und Antwort.

 

Dienstag, 01.03.2022
Heute ist ein kompletter Tag auf See. Um 09:00 Uhr haben wir bereits 274 nautische Meilen und damit mehr als die Hälfte unseres Weges nach Südgeorgien geschafft. 219 nautische Meilen liegen noch vor uns. Das Schiff fährt mit durchschnittlich 13 Knoten auf nördlichem Kurs. Die Außentemperatur beträgt 5 °C, die Wassertemperatur 3 °C. Der Luftdruck ist weiterhin relativ konstant bei 989 hPa. Die Windstärke beträgt 2 bis 3, die Wellenhöhe 1 bis 1,5 Meter. Es ist leicht bewölkt, hat also schönes Wetter. An unserer derzeitigen Position beträgt die Wassertiefe mächtige 3.000 Meter.

Um 10:00 Uhr hören wir den obligatorischen, gesetzlich vorgeschriebenen Naturschutzvortrag über Südgeorgien. Danach findet eine sogenannte Bioinspektion unserer Oberbekleidung und Schuhe statt, die wir bei Ausflügen tragen. Die Kleidung, vor allem die Klettverschlüsse und Schuhsohlen, werden nach Pflanzensamen und anderen Überresten unserer Ausflüge untersucht. Gegebenenfalls wird die Kleidung mit dem Staubsauger und die Schuhe in der Stiefelreinigungsanlage nochmal gesäubert. Dies dient dazu sicherzustellen, dass bei einer Anlandung keine Fremdkörper und Fremdorganismen in die empfindlichen Ökosysteme eingeschleppt werden.

Um 15:30 Uhr dürfen wir endlich auf die Brücke und uns die moderne Technik ansehen. Neben der Maschinensteuerung interessieren uns vor allem die drei Radarsysteme und die modernen Karten. Die Brücke ist wirklich ein toller Platz und fast hätte ich mich dort häuslich eingerichtet. Aber um vier Uhr wurde speziell für mich ein Treffen mit dem Chefingenieur organisiert. Wir verstehen uns auf Anhieb gut und unterhalten uns intensiv und ausführlich über jedes einzelne technische System auf dem Schiff. Vom Antrieb über die Wasseraufbereitung bis zur Müllverbrennungsanlage. Von der Prozesssteuerung über das Preventive Maintenance Programm bis hin zum Schichtmodell an Bord. Es ist einfach toll.

Am Abend folgt ein weiterer interessanter Fachvortrag über Landeis in der Antarktis - Geowissenschaftlicher Querschnitt durch den Eisschild. Um halb zehn folgt noch der historische Originalfilm von der berühmten Shackleton Expedition mit der Endurance.

Erneut müssen für die Seevögel nachts die Außenlichter gelöscht und die Fenster verdunkelt werden. Heute Nacht zwischen zwei und drei Uhr wird die Uhr eine Stunde vorgestellt, um unsere Fahrt nach Osten und dem notwendigen Wechsel der Zeitzone Rechnung zu tragen.

 

Mittwoch, 02.03.2022
Die Nacht war relativ unruhig. Das Schiff hat die ganze Nacht relativ stark geschwankt. In den frühen Morgenstunden kommen wir an der Südspitze von Südgeorgien an. Es herrscht Windstärke 10 und ein Seegang der Kategorie 8 - viele weiße Schaumkronen.

Für unsere erste Anlandung in Cooper Bay ist es eindeutig zu stürmisch. Hier am südlichen Ende der Insel schotten die Berge das Land noch kaum von den starken zirkumpolaren Winden ab. Überall sind Schaumkronen auf dem Meer zu sehen. Das Schiff hebt sich immer wieder um mehrere Meter. Die geplante Ausfahrt mit den Zodiacs würde schon beim Einsteigen zu ernsten Problemen führen. Und eine solche Fahrt zu unternehmen, nur um die Fische zu füttern, ist auch nicht gerade sinnvoll. Der Kapitän entscheidet daher direkt zu unserer zweiten Anlandestelle bei Gold Harbour weiterzufahren, da sie mehr im Windschatten der Inselberge liegt.

Auch hier geht noch ein ordentlicher Wind mit Stärke 5, aber das Meer macht einen deutlich ruhigeren Eindruck. Es gibt keine Schaumkronen mehr. Es ist leicht bewölkt, die Außentemperatur beträgt 9 °C und die Wassertemperatur 4 °C. Der Luftdruck ist etwas auf 982 hPa gesunken. Laut Wetterkarten befinden sich hier noch die letzten Ausläufer eines nach Osten abziehenden Tiefdruckgebiets.

Die Anker werden bei 54° 37' 46" südlicher Breite und 35° 54' 58" westlicher Länge herunter gelassen. Als die Ausbootung beginnt, beobachten wir die erste Gruppe beim Besteigen der Zodiacs und sehen, wie schwierig das selbst bei einer solch vergleichsweise ruhigen See ist. Denn immer wieder hebt und senkt sich das Zodiac gut einen Meter über und einen Meter unter den Ausstiegssteg des Schiffes. Die Leute werden heftig hin und her geworfen. Als das Zodiac vom Schiff ablegt und davon fährt, spritzt die Gischt der angeschnittenen Wellen über das Zodiac.

Wir landen bei Gold Harbour an. Im Vordergrund ein Strand aus schwarzem Sand. Imposante Berge mit kleinen Wasserfällen im Hintergrund. Dazwischen eine Ebene mit vielen hohen Grasbüscheln, in denen ein ganze Horde von Seebären schlafen. Die jungen antarktischen Seebären werden übrigens komplett schwarz geboren, bevor sie dann später ihre Fellfarbe verändern. Der Strand ist bevölkert von Hunderten von Königspinguinen. Zunächst stehen sie noch in Kleingruppen herum. Sie sind angesichts unserer Anwesenheit äußerst gelassen und eher neugierig. Dann laufen wir den Strand entlang und durchqueren einen kleinen Bach. Auf halben Wege liegen Seeelefanten wie fette Würstchen in der schwachen Sonne. Einer neben dem anderen.

Wir laufen weiter, bis wir vor einer riesigen Kolonie von Königspinguinen stehen. Sie drängen sich  dicht zueinander. Einige von ihnen tragen ein Ei auf ihren Füßen, das sie mit ihrer Bauchfalte warm halten. Hier und da spitzelt ein Pinguinbaby in seinem braunen, flauschigen, aber noch nicht wasserdichten Gefieder hervor. Demgegenüber sehen die erwachsenen Königspinguine mit ihren überwiegend grau und schwarzen Rückenfedern, den strahlend weißen Bauchfedern sehr elegant aus. Ihre leuchtend gelben Brustfedern und Schnäbel bilden markante Farbtupfer. Die Masse an Vögeln in der Kolonie ist erstaunlich.

Mit der Zeit entdecken wir auf der Insel hier und da auch noch andere Vögel. Vereinzelt gibt es auch die deutlich kleineren Eselspinguine. Außerdem entdecken wir einige Skuas und Riesensturmvögel. Einer der großen Skuas greift meinen Vater an und setzt sich kurzzeitig auf seinen Kopf. Hin und wieder kommt eine junge Pelzrobbe aus dem Bültgras und watschelt etwas verwirrt am Strand herum, bevor sie sich entweder alleine oder mit Hilfe eines Muttertiers ins Wasser begibt. Ihre Bewegungen im Wasser sind so gar nicht mit den behäbigen Bewegungen an Land vergleichbar. Im Wasser sind sie grazile und hochagile Schwimmer. Beim Zusehen könnte man fast den Eindruck gewinnen, sie hätten beim Herumtoben im seichten Wasser und den niedrigen, ins Wasser ragenden Felsen richtig Spaß. In kleineren Gruppen spielen sie dann gerne "der Fels gehört aber mir". Bei der Rückfahrt zum Schiff schaut ganz kurz ein Seeleopard aus dem Wasser. Er dürfte sich hier an der Pinguinkolonie gütlich halten.

Kurz nach unserer Rückkehr brechen wir zur 26 Seemeilen entfernten Saint Andrews Bay mit ihren Kolonien von Goldschopfpinguinen auf. Unsere dann fünfte Pinguinart. Dort soll unser nächster Landausflug stattfinden. Wir kommen dort gegen 15:30 Uhr bei 54° 26' 15" südlicher Breite und 36° 10' 1" westlicher Länge an. Es ist relativ windig, und es gibt einige Schaumkronen auf dem Wasser der Bucht. Obwohl die Bucht durch die Berge im Westen geschützt sein sollte, bläst der Wind mit 48 Knoten (entsprechend Windstärke 9 bis 10). Das kommt von katabatischen Fallwinden, mit denen die eiskalte, knochentrockene Luft von den Bergen herunter transportiert wird. Da das Schlechtwettergebiet weiter nach Osten abwandert, warten wir noch etwas ab. Aber schließlich entscheidet der Kapitän, dass wir hier nicht anlanden können.

Wir fahren weiter zur Cumberland East Bay, um dem dortigen Gletscher einen kurzen Besuch abzustatten. Zunächst erscheint die Landschaft in wunderbarem Sonnenschein. Als wir allerdings am Nordenskjöld Gletscher ankommen - wir können uns mit dem großen Schiff bis auf drei Seemeilen nähern - ist es bereits recht spät, so dass die Sonne bereits sehr tief steht und jeden Augenblick untergeht.

Während des Abendessens verlassen wir die Bucht wieder. Das Schiff beginnt sehr stark zu schaukeln und schwanken. Die Bewegungen nehmen im Laufe des Abends und vor allem der Nacht weiter zu. Zum Schutz der Seevögel müssen nachts wieder alle Außenlichter gelöscht und die Fenster zugezogen werden.

 

Donnerstag, 03.03.2022
Das Schiff hat die Nacht aufgrund des starken Wellengangs auf offener See verbracht. Mit zunächst 5 Knoten sind wir im Kreis gefahren. Später wurde zur Stabilisierung des Schiffes auf 10 Knoten beschleunigt. Die Nacht war trotzdem sehr unruhig. Das Schiff hat nicht nur sehr stark geschwankt, sondern ist auch ordentlich gerollt. Außerdem schlugen von Zeit zu Zeit große Brecher lautstark gegen die Bordwand. An Schlaf sind wir in dieser Nacht nur bedingt gekommen.

Um 07:00 Uhr landen wir in der Fortuna Bay an. Zum Ankern ist die Wassertiefe von 90 m bereits etwas zu tief. Das Schiff hält daher seine Position manuell bei 54° 9' 3" südlicher Breite und 36° 48' 10" westlicher Länge. Wir sind diesmal die erste Farbe der ersten Gruppe.

Die Außentemperatur beträgt 6 °C, die Wassertemperatur 5 °C. Der Luftdruck ist weiterhin relativ konstant bei 993 hPa. Es geht nur ein leichter Wind, und die Luftfeuchtigkeit liegt bei 90%. Zunächst haben wir mit dem Wetter noch erstaunlich viel Glück. Die Sonne kommt hervor, und die Bewölkung ist nur gering. Doch im Laufe unseres Aufenthalts zieht es immer mehr zu, bis schließlich bei Rückkehr zum Schiff eine dicke Wolkendecke über der gesamten Bucht liegt. Aber auch die trübe Stimmung hat in dieser faszinierenden Landschaft so ihre Reize. Hier könnte "Der Herr der Ringe" gedreht worden sein. Auf großen Ebenen wachsen saftig grüne Moose, dazwischen niedrige grüne Grasbüschel. Einige Bächlein rinnen diese Ebene hinunter. Im Hintergrund imposante, teils grün bewachsene, teils mit Schnee bedeckte Berge. Kleine Wasserfälle fließen die Berge hinunter in die Ebene.

Wir sehen viele Königspinguine zum Teil im Gänsemarsch in der Landschaft umherlaufen. Aber auch viele Seebären in allen Altersgruppen von kleinen Babys bis zu Erwachsenen sind vor Ort. Die Babyseebären tollen in großen Gruppen am Strand oder im Wasser in Strandnähe herum. Sie sind einfach putzig, wie sie da recht ausgelassen spielen. Die Kleinen sind recht neugierig und kommen einem manchmal mit einem Scheinangriff sehr nahe. Sind dann aber total verwundert, dass wir nicht weglaufen. Dann drehen sie ihren Kopf, während sie uns weiterhin mit den Augen fixieren hin und her. Manchmal werden wir auch überkopf betrachtet. Aber so ganz können sie sich keinen Reim auf diese blauen Riesenpinguine machen. Auf die menschliche Stimme reagieren die Seebären sehr positiv. Ist für sie wohl ein Erkennungsmerkmal, dass wir weder Futter noch Konkurrenz sind.

Manchmal laufen uns die Robben auch ein kleines Stücken hinterher. Wir sehen einen kleinen, blonden Seebären. Er ist kein Albino, sondern hat einfach nur blondes Fell. Obwohl die anderen Seebärenkinder ganz normal mit ihm spielen, sticht er natürlich schon besonders aus der Gruppe hervor. Ein Grund, weswegen die Lebenserwartung dieser blonden Exemplare geringer ist, als der gleichaltrigen dunkleren Tiere.

Am Ende einer circa 1,8 km langen Wanderung über die mit sehr vielen Seebären bevölkerte, von einigen Bächlein durchflossene, grüne Grasebene in Richtung des Neumayer-Gletschers, erreichen wir erneut eine große Kolonie von Königspinguinen. Wieder ein faszinierendes Schauspiel. Wir können uns kaum satt sehen. Schließlich wandern wir wieder zu den Zodiacs zurück.

Von hier fahren wir weiter nach Grytviken in die King Edward Bucht und gehen bei 54° 17' 13" südlicher Breite und 36° 29' 0" westlicher Länge ganz in der Nähe von King Edward Point vor Anker. Es kommt ein britischer Offizier zur Bioinspektion an Bord. Für die Anlandung sind wir wieder die erste Farbe der ersten Gruppe. Der Offizier hat entschieden, er möchte die Kleider der ersten 44 Gäste inspizieren. Nach den vielen bisherigen Anlandungen haben alle bereits eine solide Routine im Reinigen der Kleider und Stiefel, und so findet der Offizier bei seiner Inspektion keinerlei Beanstandungen. Das Schiff erhält 100 Punkte, die maximal mögliche Punktzahl.

Auf Grytviken leben ganzjährig nur zwei Personen. Die angeschlossene Forschungsstation beherbergt in den Sommermonaten noch etwas Personal. Ansonsten gibt es hier ein kleines Museum, eine Kapelle, einen Friedhof und einige freistehende, verrostende Industrieanlagen.

Die alten verrostenden Industrieanlagen der ehemaligen Walfangstation, die früher zur Verarbeitung von Walen zu dem damals sehr begehrten und gefragten Walöl genutzt wurden, stehen frei in der Landschaft. Aber man kann die einzelnen Aggregate und ihre Funktion noch gut erkennen. Mit Walöl betriebene Motoren, Getriebe, Schleppwinden, Hächselmaschinen, Reaktoren, Pumpen, Heizkessel oder Lagertanks. Das Walöl wurde übrigens in der Lebensmittelindustrie, als Schmierstoff sowie zur Straßenbeleuchtung eingesetzt.

Zunächst ist es noch stark bewölkt, lockert aber im Laufe unseres Besuches immer weiter auf und am Ende strahlt die Sonne über die ganze Bucht. Die Außentemperatur steigt leicht auf 8 °C.

Wir besuchen das Museum, in dem vom Leben der Walfänger und Polarforscher berichtet wird. Ebenfalls dort ausgestellt sind verschiedene Tier- und Vogelfelle zum Anfassen und ein Modell von Sir Ernest Shackletons Schiff Endurance. Und es gibt den Nachbau des Beiboots, mit dem Shackleton mit fünf weiteren Mannschaftsmitgliedern von Elephant Island nach Südgeorgien gelangt ist. Wir besuchen auch den Friedhof und das Grab von Sir Ernest Shackleton und seines Stellvertreters Frank Wild. Im übrigen ist der Friedhof eingezäunt, um die Umfunktionierung der Gräber in Schlafmulden für Seeelefanten zu verhindern.

Überall im Ort, auch zwischen den alten Industrieanlagen, liegen Seebären. Auch viele süße Seebärenkinder. Sie sind ja soooo süß. Sie bilden kleine Gruppen, die Kindergärten genannt werden. Eine Gruppe planscht im Uferbereich im Wasser herum. Eine andere sitzt auf einer kleinen Wiese und tollt verspielt herum. Eine weitere vergnügt sich in einem kleinen Bächlein. Rundum die Stadt sind sie zu finden. Ein paar ganz wenige Seeelefanten und Königspinguine sind auch vor Ort. Manch ein kleiner Seebär spielt sich etwas auf und macht Scheinangriffe auf uns. Süß, wie die kleinen Kerlchen anschließend ganz verdutzt feststellen, dass wir gar nicht weglaufen.

Wir kehren schweren Herzens von unserer letzten Anlandung auf dieser Reise wieder aufs Schiff zurück. Um 18 Uhr treffen wir uns mit zwei älteren Damen, einer Traunsteinerin und einer Schweizerin aus Zürich, um eine Flasche Champagner zu köpfen. Im Laufe des Abendessens wird der Seegang erneut stärker und das Schaukeln des Schiffes nimmt wieder deutlich zu. Zum Dessert haben die netten Mitarbeiter des Restaurants eine besondere - alkohol- und kakaofreie - Pralinenüberraschung speziell für mich vorbereitet.

Nachts müssen erneut alle Lichter gelöscht und Fenster verdunkelt werden, so dass Seevögel nicht davon angezogen werden und an Deck landen. Denn als Seevögel haben sie anschließend erhebliche Orientierungsschwierigkeiten, weil sie weder das Meer noch den Horizont sehen können. Dann schaffen sie es nicht mehr zu starten und ihnen muss jedesmal aufwendig von Mitarbeitern dabei geholfen werden.

 

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